Es sollte einen Schlaf ohne Nebenwirkungen ermöglichen, verursachte aber einen Albtraum des Lebens: Contergan. Im Rahmen des deutschen Wirtschaftswunders entwickelt, wurde Contergan im Oktober 1957 als völlig sicher und frei von Nebenwirkungen als das Beruhigungs- und Schlafmittel eingeführt. Weshalb es schnell zu einem Verkaufsschlager wurde. Der Stolberger Hersteller Grünenthal pries das Mittel ausdrücklich auch für Schwangere an. So hieß es, dass es weder Mutter noch Kind schädigen würde.

Was für eine trügerische Sicherheit. Denn wie sich später herausstellte,           reichte bereits eine Contergan-Pille, um das Ungeborene zu schädigen. 

Thalidomid, so heißt der Wirkstoff des Medikaments Contergan, das bei Tausenden von Kindern zu Missbildungen führte, wie Füße, die am Becken sitzen, oder wie Hände, die an der Schulter sitzen. Daneben gab es innere Schäden an Herz, Niere, Galle und Nerven sowie starke Wirbelsäulenknochenschäden. Entwickelt wurde das Medikament von einem Grünenthal-Mitarbeiter. Nur vier Jahre war es auf dem Markt und musste dann wegen der bekannt gewordenen Missbildungen bei Säuglingen und den Nervenschäden bei Erwachsenen vom Markt genommen werden.

Viel zu spät: Denn bis 1962 wurden alleine in Deutschland 4000 Kinder mit Missbildungen geboren, von denen nur 2800 überlebten. Zehn Jahre nachdem das Mittel auf dem Markt gebracht worden war, reichte die Staatsanwaltschaft Klage gegen den führenden Gesellschafter sowie acht leitende Mitarbeiter des Herstellers beim Landgericht Aachen ein. Bis April 1968 schlossen sich mehr als 400 Geschädigte als Nebenkläger an. Im Januar 1970 erklärte sich die Firma Grünenthal dazu bereit, 100 Millionen Mark Entschädigungsgeld zu zahlen. Im Dezember des selben Jahres wiwurde der Contergan-Prozess eingestellt – man war sich sicher, dass die finanzielle Lage der geschädigten Kinder gesichert wäre, weil man von einer Lebenserwartung von maximal 20 Jahren ausging. Es gab kein Urteil, die sieben Angeklagten wurden als geringfügig schuldig angesehen. Das Verfahren ging über 283 Verhandlungstage, 29 Sachverständigen und 352 Zeugen.

Einer wirklich gerechten Entschädigung hat sich Grünenthal stets widersetzt. In den 70er Jahren ließ Grünenthal die Geschädigten hinsichtlich ihrer mühsam erkämpften und ohnehin schon kärglich ausgefallenen Entschädigung aus dem Vergleich auch noch enteigenen, um mit diesem Geld eine Stiftung ins Leben zu rufen, wo es nun eine nach Schadensgrad bemessene, monatliches Opfrgeld von heute lediglich 1095 Euro gibt. Grünenthal schaffte es zudem, eine Bestimmung in dem Stiftungsgesetz zu verankern, dass eine Geltendmachung von Regressansprüchen seitens der Geschädigten wegen der bei ihnen in den vergangenen Jahren aufgetretenen, erheblichen Nachfolgeschäden nicht möglich ist.

Und wenn man bedenkt, dass Grünenthal weiterhin auf der Gewinnerspur ist, müssen die Conterganopfer um ein menschenwürdiges Leben mit richtiger Versorgung durch Hilfsmittel und Pflegekräfte oder anderweitiger Hilfe kämpfen. Viele der Betroffenen sind nämlich erwerbsunfähig oder müssen aufgrund ihrer Folgeschäden in Frührente.

Zwar ist und bleibt der Wirkstoff Thalidomid der Albtraum eines contergangeschä- digten Menschen, und doch hat es auch eine positive Wirkung. Ein israelischer Arzt stellte nämlich 1964 per Zufall fest, dass der Wirkstoff bei Lepra hilft. Und so setzte sich die Geschichte fort. Zwar wurde der Wirkstoff ab 1962 in Deutschland geblockt, kam aber von da an in Brasilien zum Einsatz - bis heute. Noch 1993 wurden in Brasilien Babys mit den selben Missbildungen wie die Contergan-Kinder geboren. Die Mütter hatten es fälschlicherweise als Verhütungsmittel gehalten und/oder sie wollten wegen ihrer Lepraerkrankung nicht ins soziale Abseits rutschen.

Im Juli 1998 wurde Thalidomid von der amerikanischen Gesundheitsbehörde zur Behandlung von Lepra zugelassen, aber mit tiefgreifenden Auflagen. So bleibt die Gefahr bestehen, dass weiterhin Kinder ohne Arme und Beine geboren werden könnten. Ein Teufelskreislauf.

P.S. Für mich bedeutet das, ein Leben unter Schmerzen und täglichen Einschränkungen. Aber, das bedeutet auch innerliche Stärke, die ich anderen mit auf dem Weg geben möchte. Daher bin ich sehr aktiv im Bereich der Internationalen Contergan Allianz.

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